Elf Meter

Ein ganzes Dorf ohne Männer
Roman erschienen als E-Book

Die Lüriger Frauen sind sauer: Eigentlich wollten sie mit ihren Männern zum Bezirksmusikfest, doch die lassen sie sitzen für ein Fußballspiel. Unterwegs verunglückt der Bus – fast alle Insassen sterben. Plötzlich ist das kleine Dorf nahezu männerlos. Alles steht Kopf, was zu reichlich Intrigen, aber auch zu allerlei schrägen Situationen führt. Außerdem wäre eine der Frauen ihren Mann zu gerne losgeworden, doch er saß nicht mit im Bus. Also muss frau selbst aktiv werden …


Als Heidrun Bauer am Montagmorgen die Augen öffnete, wollte sie sie am liebsten gleich wieder schließen. Die Nachricht vom Tod der Männer hatte sie hart getroffen. Doch sie durfte sich nicht hängen lassen. Sie musste stark sein. Sie brauchte eben einen anderen Plan.
Peter kam halb angezogen aus dem Bad zu ihr ins Wohnzimmer. Bevor er sich mit seinem Gipsbein umständlich an den Esstisch setzte, küsste er sie auf die Stirn. Sie kniff die Augen zu dabei. „Na, geht’s dir heute besser?“, fragte er und griff nach einem Toast.
Heidrun Bauer atmete tief durch. „Ein bisschen“, sagte sie.
„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie alle nicht mehr wiederkommen. Stell dir das doch nur mal vor, Heidrun, die ganzen Frauen!“ Peters Augen wurden feucht. Seine Anteilnahme war echt.
Ja, wenn ich das nur geahnt hätte, dachte Heidrun Bauer. Das Leben ist wirklich nicht gnädig mit mir.
„Ich trau mich gar nicht, denen unter die Augen zu treten. Überleg dir mal, was ich für ein Glück gehabt habe. Was für ein dämliches Glück!“ Peter redete weiter. „Wenn der Arzt es mir am Freitag nicht verboten hätte, Heidrun, wäre ich mitgefahren!“
„Mein Gott noch mal, ja!“, rief Heidrun Bauer. Sie konnte es nicht mehr hören. Sie musste irgendetwas tun, Hauptsache, weg hier.
„Freust du dich denn gar nicht, Heidrun?“, fragte Peter weinerlich, den Toast kauend. „Ich meine, ich bin doch nicht tot!“
Heidrun Bauer sagte nichts, sah ihren Mann lediglich an. Wie sie ihn hasste! „Ich fahr zu Brigitte. Sie braucht mich jetzt. Und außerdem muss ich mich bei ihr entschuldigen.“ Sie stand auf, verließ das Wohnzimmer, ohne den Tisch abzuräumen, und nahm im Flur den Autoschlüssel aus dem obersten Schubfach der Kommode. Der Kater war ihr gefolgt und maunzte, während er ihr um die Beine streifte. Wenn die Reusch wüsste, dass er hier geschlafen hat! Heidrun Bauer konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Gestern Abend hatte sie ihre Nachbarin mit einer Packung Trockenfutter klappern und nach ihrem Melchior rufen hören.
Sie holte eine dicke Scheibe Fleischwurst aus dem Kühlschrank und schnitt sie in Stücke. Anschließend stellte sie einen Teller mit der Wurst vor die Haustür und beobachtete, wie der Kater sich darüber hermachte. Mit der Hand strich sie über sein sandgetigertes Fell und der Kater ließ es sich gefallen. „Friss schön, mein Kleiner!“
Vielleicht konnte sie die Holländerin dazu überreden, den Führerschein zu machen. Das wäre das Beste in ihrer jetzigen Situation. Mit ihren 55 Jahren war Brigitte sicher nicht zu alt, um Autofahren zu lernen. Und bevor sie in Zukunft ständig mir ihr Einkaufen fahren wollte … Das hatte schon zu Alexanders Lebzeiten überhandgenommen!
Was für ein guter Einfall. Heidrun Bauer war zufrieden. Und diesmal würden sie den anderen nichts davon verraten!