Schlafkindlein

Ein Säugling – der Mutter schutzlos ausgeliefert
Roman erschienen bei Amazon

Ein Mädchen wird sein kurzes Leben lang von seiner Mutter misshandelt. Misshandelt in der Wohnung über Gisela Weilich. Misshandelt von einer jungen Frau, die im Leben fest verankert schien. Schuldgefühle lassen Gisela nach dem Tod des Kindes nicht zur Ruhe kommen, bis diese Seiten zu Ende geschrieben sind.


In der Nacht wachte ich auf, weil ich zur Toilette musste. Ich hörte das Baby lange Zeit weinen, dann war es wieder still über mir. Ob Diana Wipp der kleinen keinen Nuckel gab? Ich hab es noch nie gesehen. Vielleicht brauchte es nur einen Nuckel?!
Ich rügte mich. Es ging mich nichts an. Ich hätte früher auch nicht gewollt, dass mir jemand Vorschriften macht. Aber ich wollte doch einfach nur helfen, wendete ich ein. Es tat mir so leid, das kleine Engelchen. Warum trank es denn nur so schlecht? Es musste doch trinken.
Mir fiel ein, dass Bettina mit Oliver auch manchmal verzweifelt war. Von meinen eigenen Kindern kannte ich das gar nicht, vielleicht konnte ich es deshalb nicht verstehen. Über meine Grübeleien schlief ich schließlich ein.

Hätte ich am Tag darauf nicht Spätschicht gehabt, hätte ich ihn gar nicht bemerkt, den Krankenwagen, der gerade wegfuhr, als ich vom Friedhof kam.
Ein Nachbar, der, der sein halbes Leben am Küchenfenster zu verbringen schien, berichtete mir von der Neuigkeit: „Die Junge Frau mit dem Baby haben sie weggebracht! Wissen Sie denn, was los ist?“
Ich stellte mich unwissend, ich hatte keine Lust auf ein Gespräch. „Nein, Herr Möbius. Und ich muss mich auch beeilen, ich muss zur Arbeit.“ Ich winkte ihm zu und verschwand im Hauseingang. Es gibt nämlich noch Leute, die arbeiten, dachte ich erbost.
Ich ging nach oben. Im ersten Stock stand Möbius vor mir und versperrte mir den Aufgang. „Sie wohnen doch gleich drunter. Es wird ja wohl nichts Ernstes sein mit dem Kindchen?“
Das erste Mal sah ich ihn in voller Größe, barfuß in seinen Hausschuhen, seine Hose über den Bauch gezogen. Ich schob ihn beiseite, ebenso frech, wie er sich vor mich gestellt hatte. „Mit Kindern ist immer mal was“, beruhigte ich ihn. „Machen Sie sich keine Sorgen!“
Eilig lief ich die Treppe nach oben, stellte die Tulpen, die ich mir aus dem Blumenladen mitgebracht hatte, in eine Vase und machte mir noch eine Kleinigkeit zu Essen zurecht. Anscheinend wurde es doch nicht besser mit dem Kind, dachte ich. Gut, dass sich Diana gleich wieder in ärztliche Behandlung begeben hatte. Damit war nicht zu spaßen. Dabei sah die kleine Anne gestern so gut aus. Ich dachte daran, wie sie in ihrem Wagen gelegen hatte. Die dicken Bäckchen hatten aus der Mütze herausgeschaut.

„[…] Befund: Positiver Babinski, große, gespannte Fontanelle, Stauungspapille, Fraktur im rechten Scheitelbein, subdurales Hämatom. Absaugen von 200 ml serös-blutiger Flüssigkeit. Während der Behandlung gute körperliche und psychische Entwicklung, kein Erbrechen, Gewichtszunahme, fröhliches Wesen, normaler Kopfumfang. […]“