Zwei Wochen danach

Ein Flugzeugabsturz – zwei Familien
Roman
224 Seiten
Erschienen als E-Book und Taschenbuch bei Amazon

Es ist eine stille Umarmung, die uns verbindet. Ralph ist über den Berg. Dass noch nicht klar ist, was sein wird, wenn sie ihn irgendwann aus dem Koma holen, habe ich ihnen nicht gesagt. Eins nach dem anderen.
Wir sitzen im Wartebereich eine Etage tiefer und feiern ein bisschen, mit einem Becher Kaffee und Süßigkeiten aus dem Automaten. Bei jedem kleinen Schluck sauge ich den Kaffeeduft ein und schließe meine Augen. Der andere Pilot hatte nicht solches Glück. Seine Frau soll dabeigestanden haben. „Verdammter Flieger!“, wütet es in mir. Dann kommen mir die Tränen.

Trauer. Trennung. Todessehnsucht. Die Angehörigen gehen auf verschiedene Weise mit dem Schicksalsschlag um.


Joachim hat wie immer etwas zu meckern. Zuerst muss er zu lange auf das Essen warten und dann bringt ihm die kleine Chinesin auch noch das falsche. Hühnchen in Curry statt Ente Kung-Po. Heimlich grinse ich, als ich meine Serviette auf meinem Schoß zurechtlege. Ich habe den Eindruck, dass Renate der Auftritt ihres Mannes peinlich ist. Beschwichtigend greift sie unter dem Tisch zu ihm hinüber.
Raphael stopft den Reis mit der Gabel in sich hinein. Keine Zeit für Stäbchen. Frustessen, denke ich und widme mich meiner Suppe. Ich hätte wissen müssen, dass chinesisch nicht das Richtige für meinen Schwiegervater ist. Vielleicht wollte ich es darauf ankommen lassen? Schließlich ist er ein Mann von Welt!
Als Joachim endlich seine Bestellung bekommt, fängt Renate auch an zu essen und wir schweigen alle vor uns hin. Ich stelle mir vor, wie Joachim nachher den Geldbeutel zücken wird und die kleine Chinesin garantiert kein Trinkgeld von ihm erhält.
Ralph ist ähnlich. Mir fällt die Situation ein, als ich ihn vor ein paar Jahren in der Weihnachtszeit mit Susanne im Institut besucht habe. Seine damalige Sekretärin versicherte sich erst, dass Ralph außer Hörweite war, bevor sie leise wie eine Verbündete zu mir sprach. Was sie zu mir gesagt hat, habe ich schnell vergessen. Aber ihr Gesichtsausdruck ist mir bis heute erhalten geblieben.
Ich mochte die ältere Dame, die ein Überbleibsel von Ralphs Vorgänger war. Ralph hatte immer etwas an ihr auszusetzen.
Jetzt sitzt Katja an ihrer Stelle. Jung, blond und mindestens einen Meter achtzig groß.
Ich darf nicht vergessen, sie morgen früh anzurufen, fällt mir ein.
Die kleine Chinesin hat mir inzwischen mein Hauptgericht gebracht. Es ist scharf. Schärfer als ich gedacht hätte. Ich mache eine Pause, wische mir mit der Serviette den Mund ab und trinke einen Schluck. Susanne hat nur ihren halben Teller geleert und starrt wie gebannt auf das Aquarium, das neben unserem Tisch etwas grün und trübe vor sich hinblubbert.
Als die Kellnerin kommt, bestelle ich noch ein Wasser. Inzwischen ist auch mein Schwiegervater fertig und beginnt ein Gespräch mit Raphael. Was er denn in den Ferien machen wird. Oder ob er vielleicht sein Vorhaben wegen seinem Vater aufgeschoben hätte.
Raphael zuckt mit den Schultern und mein Schwiegervater schaut Susi an.
Ich eile meinen Kindern zu Hilfe. „Wie lange wollt ihr denn eigentlich bleiben?“, frage ich Joachim.

*

Warum habe ausgerechnet ich solches Glück? Warum nicht die Andere?
Ich stehe vor dem großen Fenster und starre ins Leere. Diesmal bin ich allein in der Klinik. Ich höre die Geräte im Hintergrund um die Wette säuseln. Seit gestern Abend liegt ein Mann neben Ralph. Wie alt er ist, kann man kaum sehen. Sein Körper ist fast vollständig eingebunden. Doch zu seinen Füßen steckt ein Schild:
07.05.1978
Motorradunfall, hat Joachim gestern beim Abendessen erzählt.
Mir fällt auf, dass ich jedes Mal Angst gehabt habe, wenn ich hergekommen bin. Angst, Ralph zu verlieren. Aber heute ist es anders. Heute schäme ich mich dafür, dass mein Mann noch lebt.
Ich denke an den gestrigen Nachmittag und muss weinen. Es ist ein unbekanntes Gefühl. Aber ein starkes. So stark, dass ich mir den zweiten Stuhl im Raum zum Fenster ziehe und mich setzen muss. Mit dem Rücken zu Ralph und dem Motorradfahrer, weil ich ihren Anblick nicht ertragen kann.
Ich habe Herrn Arendt noch einmal angerufen. Habe ihn nach dem Termin für die Beerdigung gefragt, weil es mir keine Ruhe gelassen hat.
Er wusste nichts Neues. Nur, dass Ralphs Flugzeug geborgen wurde. Aber ich solle doch mal beim Flugplatz Oberschleißheim anrufen und mir die Telefonnummer des Vereins von Sebastian Awe geben lassen. Er denkt, dass erst die Obduktion abgewartet werden muss.
Sebastian Awe. Ich konnte nicht anders. Ich habe dort angerufen.
Den Termin für die Trauerfeier hat man mir noch nicht sagen können. Der freundliche Mann hat sich meine Nummer aufgeschrieben und versprochen, sich zu melden. Dann hat er sich nach Ralph erkundigt.
Keine Ahnung, ob er ihn persönlich gekannt hat.
Ich habe ihm gesagt, dass Ralph noch im Koma liegt, aber seine Lage stabiler ist.
„Sie haben Glück gehabt“, hat er geantwortet. „Sebastian Awe hinterlässt zwei kleine Kinder.“
Dann hat er aufgelegt und mich mit dieser schlimmen Situation allein gelassen. Keiner war da, mit dem ich darüber reden konnte. Renate saß bei Joachim im Wohnzimmer.
Ich habe die Nummer von meinen Eltern gewählt, aber ich musste wieder auflegen, weil ich kein Wort herausbekam. Der Gedanke daran, dass die Frau des Piloten zwei kleine Kinder hat, war schrecklich. Was hat Ralph da nur angerichtet?
Ich hielt es nicht mehr aus und beschloss, mich mit Schlaf zu betäuben. Doch heute Morgen sind die Vorwürfe wieder da und wieder bin ich allein. Allein zwischen Geräten.
Zwischen Geräten, weißer Bettwäsche und zwei Männern, die offenbar beide das Risiko lieben. Es macht mich wütend.
Und dann frage ich mich, wer um den Motorradfahrer bangt.