Zwei Wochen danach

Ein Flugzeugabsturz – zwei Familien
Roman erschienen als E-Book bei Amazon

Nach einer Kollision stürzen zwei Segelflieger in der Nähe von München ab. Einer der Piloten verunglückt tödlich, der andere verbleibt im Koma. Die jungen Männer hinterlassen Kinder, Ehefrauen und andere Familienangehörige, die auf verschiedene Weise mit dem Schicksalsschlag umgehen.


Es ist eine stille Umarmung, die uns verbindet. Ralph ist über den Berg. Jetzt dürfen wir wieder Hoffnung haben.
Susanne strahlt, als sie sich aus der Umklammerung ihres Großvaters löst und auf mich und Raphael zugeht. Dass noch nicht klar ist, wie Ralph sein wird, wenn sie ihn irgendwann aus dem Koma holen, habe ich ihr nicht gesagt. Eins nach dem anderen.
Wir sitzen im Wartebereich eine Etage tiefer und feiern ein bisschen. Feiern leise, jeder für sich, mit einem Becher Kaffee und Süßigkeiten aus dem Automaten. Raphael bietet mir etwas an, aber ich lehne ab. Trinke nur vorsichtig meinen heißen Kaffee und bin erleichtert. Bei jedem kleinen Schluck sauge ich den Kaffeeduft ein und schließe meine Augen. Ralph hat keine großen Verletzungen davongetragen. Es ist nur die Unterkühlung und der Sauerstoffmangel. Schlimmer wäre es gewesen, wenn das Flugzeug gleich voller Wasser gelaufen wäre.
Das erste Mal wage ich daran zu denken, dass der Unfall auch zwei Monate später hätte passieren können. Im Juni, wenn Badende das Ufer säumen. Wenn Kinder auf ihren Luftmatratzen umhertreiben.
Wäre es dann auch so glimpflich ausgegangen? Müsste sich dann Ralph, wenn er aufwacht, auch noch mit dem Vorwurf belasten, er habe ein paar Kinder auf dem Gewissen? Nur, um seinem Hobby nachzugehen?
Er wäre nicht so stark unterkühlt gewesen, das steht fest. Und die Rettungskräfte hätten vielleicht auch nicht erst vom Regattasee herfahren müssen. Aber was bringt dieses „Hätte“ und „Wäre“ schon? Nichts! Was geschehen ist, ist geschehen. Wir haben Glück gehabt, bei allem noch Glück gehabt. Der andere Pilot ist bei dem Absturz ums Leben gekommen.
Scheiß Fliegerei! Mit einer kräftigen Handbewegung werfe ich meinen Becher in den Mülleimer. Als ich wieder zu Renate und Joachim komme, eröffnen sie mir, dass sie nach Hause fahren werden. Sie brauchen ein paar frische Sachen und sie sind erschöpft. Ich nicke zustimmend.
Für den Sonntag vereinbaren wir, uns aufzuteilen. Sie wollen gegen Mittag wieder hier sein. Als sie gehen, gibt mir nur Renate die Hand. Ich umarme sie kurz und halte meine Enttäuschung noch ein paar Augenblicke zurück. Ich habe ihn nie gemocht, Ralphs Vater. Niemals habe ich das so deutlich gespürt wie jetzt. Trotzdem kommen mir die Tränen.