Gnadenhof für Männer

Eine Liebesgeschichte der besonderen Art
Roman
250 Seiten
Erschienen als E-Book und Taschenbuch bei Amazon

Um das Haus ihres Onkels zu erhalten, eröffnet Altenpflegerin Dani einen Gnadenhof für Männer. Auch ihre Jugendliebe Maurizio soll einziehen. Doch laut Onkel Udo ist der blaue Mauritius nicht der richtige Mann für Dani.

Amüsant. Nachdenklich stimmend. Geheimnisvoll. Emotional. Lebendig.


Am Freitagmorgen ist das ganze Haus in Aufruhr. Sogar die Zwillinge scheinen nervös zu sein, sie sind viel früher dran als üblich, ich höre sie über meinem Zimmer herumtrampeln und Stühle schieben.
Als ich in die Küche komme, hat Onkel Udo schon Frühstück gemacht.
„Wo ist Hans?“, frage ich überrascht, da ich ihm nicht wirklich zutraue zu verschlafen.
„Der hat das Fahrrad genommen, damit er rechtzeitig daheim sein kann.“
Im Dunkeln? Ich trage ein Lächeln auf dem Gesicht, greife zu meiner Kaffeetasse und denke darüber nach, was wir noch alles vor uns haben. Kochen, die Wohnstube umräumen, damit der Rollstuhl hineinpasst. Den Sessel aus dem Bad bringen und dafür den Wannenlift installieren, den ich mir von einem Kunden geborgt habe, der ihn im Moment nicht braucht.
„Sag mal, Bichlers Jungs haben doch versprochen, die Rampe zur Küche hin zu bauen?“, fällt mir ein.
„Das machen die heute noch!“, sagt Onkel Udo optimistisch.
Es ist zwar nur eine Stufe, die es vom Korridor zur Küche zu überwinden gilt, aber für einen Rollstuhl ist das ein echtes Hindernis. Zumindest wenn sich Andreas frei bewegen will. Und früher oder später brauchen wir die Rampe sowieso. Wenn er dann in sein Zimmer kann, muss er ja auch durch die Küche. Und so können wir von Anfang an mit ihm dort essen und müssen nicht das ganze Geschirr, wie an Feiertagen, in die Wohnstube tragen.
Der Vormittag bleibt uns noch, das schaffen wir schon, denke ich und lächle Onkel Udo zu, der heute Morgen sehr still ist. Zum Glück habe ich mir auch freigenommen. Es ist besser, zu Hause zu sein, wenn Andreas kommt.
Von Maurizio habe ich gehört, er wohnt wieder beim Gremmer. Ich will ihn erst mal ein paar Tage in Ruhe lassen und ehrlich gesagt hatte ich sowieso keine Zeit, ihn zu besuchen. Am Wochenende werde ich aber mal vorbeifahren.
Ob ich ihn überreden soll, wieder bei uns einzuziehen? Irgendwie fehlt er hier. Ich hoffe, die anderen sehen das genauso.
Das Bad wird wie geplant fertig werden und spätestens Ende nächster Woche ist alles soweit. Andreas kann dann unten wohnen und Maurizios Zimmer wird wieder frei.
In der Scheune fehlen nur noch die Heizkörper, die an unsere Ölheizung angeschlossen werden, und ein größeres Fenster zum Nachbarn hin, was wir vielleicht sowieso erst im Frühjahr einbauen wollen. Seit letzter Woche haben wir aber schon einen Pellet-Ofen dort stehen. Das ist eine tolle Sache, sagt auch Onkel Udo. Hätte er früher gewusst, dass es so etwas gibt, hätten Tante Traudi und er sicher nicht diesen rustikalen Holzofen eingebaut, der ständig gefüttert werden will und die ganze Umwelt verpestet.
Jedenfalls werden wir so das Zimmer von Andreas, was wir wegen der Optik des schönen Dachstuhls nach oben hin offen gelassen haben, sicher auch bei frostigen Temperaturen warm kriegen, da bin ich mir sicher. Falls der Winter jetzt doch noch kommt. Und mal abgesehen davon würde der Andreas sicher auch unsere Stube nutzen und sich tagsüber gar nicht so viel in der Scheune aufhalten. Er wird ja wohl hoffentlich kein Eigenbrötler sein.

*

Kurz vor eins entschließen Onkel Udo und ich uns dann doch noch, den Sessel aus dem Badezimmer nach unten in Andreas‘ Reich zu bringen, damit es schon etwas wohnlich aussieht, wenn er es nachher besichtigt. Die Möbel, die Frau Schenger bestellt hat, unter anderem ein richtiges Pflegebett, kommen nämlich erst nächste Woche, wenn alles fertig ist.
Außerdem stand der Sessel vor dem Badezimmer im Weg herum und die Zwillinge hatte ich gefragt. Sie wollten ihn bei sich nicht haben, obwohl oben ausreichend Platz wäre und obwohl es ein Möbelstück von ihrem alten Zuhause ist.
„Ich dachte, es wäre mal eine schöne Erinnerung an eure Mutter. Sonst wollt ihr euch doch immer erinnern, erinnert ihr euch?“
„Ja, aber … Ich mag solche alten Sachen nicht“, hat Mischka gesagt und Pascha hat nur den Kopf geschüttelt. „Du wolltest ihn unbedingt haben.“
„Der kommt ja auch wieder ins Bad“, sagte ich. Wäre nur vorübergehend.
Optisch finde ich den alten Sessel einfach toll und viel zu schade, um ihn dem Käufer zu überlassen. Aber ich kann schon nachvollziehen, dass er oben bei den Zwillingen nicht so richtig zum Stil passt, der eher kühl, modern und extravagant ist.
Viel steht ja noch nicht drinnen, aber Paschas Kalenderblätter sind bereits hochwertigen Akt-Fotografien gewichen. Gleich daneben prangt allerdings auch ein Fußabdruck von ihm.
„Wut“, hat er gesagt, als ich ihn gefragt habe, was das ist. Ich hätte ihm eine um die Ohren hauen können, es war ja alles frisch gestrichen. Aber Onkel Udo war ganz gelassen. „Bissel Farbe drüber und es ist wieder weg!“, hat er gesagt.
Von wegen. Ist bis heute nicht passiert. Wahrscheinlich rahmt er ihn auch noch ein. So was ist ja selten geworden.
Mischka hat sich in München ein TV-Board gekauft, damit er abends vom Bett aus Fernsehen kann. Weiß und hochglänzend wie Paschas Beistelltisch. Richtig edel, da bekomme ich auch Lust auf mehr als zehn Quadratmeter Schlafnische.
Wenn Mischka wieder gespart hat, will er einen Fernseher wie einen Ferrari. Ja, ja, die beiden haben ihre Ansprüche, von wegen Verzicht. Ich kann froh sein, dass der Käfig für den Hasen in den neuen Räumlichkeiten noch geduldet wird. Zumindest solange, bis Maurizio und Onkel Udo einen wetterfesten Stall für draußen gebaut haben.
Ich persönlich bin nicht so überzeugt von der Idee. Aus den Augen, aus dem Sinn. Es kümmert sich eh kaum jemand um Mopserl, der sich sicher ziemlich allein fühlt, seitdem er seinen Artgenossen verloren hat. Aber wenigstens wird er dort oben noch von Mischka gefüttert. Manchmal zu gut, er macht seinem Namen alle Ehre.
Wenn ich dann etwas sage, von wegen: Der Hase braucht auch etwas Zuwendung, sonst verkümmert er, nimmt ihn Pascha zu sich auf den Schoß, wenn er am Laptop sitzt. Mehr passiert nicht. Aber wehe, er stirbt.
Ach herrje. Ich stöhne, als wir den alten Sessel die Treppe hinunter manövriert und durch die Küchentür bekommen haben, denn er hat ein ganz schönes Gewicht und ist auch nicht gerade klein. Vor allem muss er ja dann auch wieder hoch.
Als wir ihn im Zimmer von Andreas abgestellt haben, wasche ich mir in der Küche die Hände und rühre die Soße noch einmal um, auch den großen Topf mit den Nudeln. Ein heißer Schwall Wasserdampf kommt mir entgegen und ich weiche mit dem Kopf zurück.
„Die schmeckt super!“, lobe ich Onkel Udo für seine Bolognese. „Ich glaube, die Nudeln dürfen jetzt auch raus.“
„Ich mach das schon, ich mach das schon“, sagt er in seiner Aufgeregtheit. Und auch mir geht es nicht anders. Ich trete ans Fenster, schiebe die Gardine etwas beiseite, damit ich die Straße überblicken kann, und denke darüber nach, wie das wohl werden wird, wenn Andreas hier einzieht. Ob wir nicht langsam zu viele werden. Ob das mit Maurizio zusammen überhaupt funktionieren kann, wenn er Andreas jetzt schon so ablehnt.
Gut, muss ich zugeben, ich bin ebenso unruhig, auch skeptisch, geht es hier schließlich um uns alle und um die Verantwortung, einem Querschnittsgelähmten ein neues Heim und irgendwie auch ein neues Leben zu bieten.
Doch mit einem Mal werde ich aus meinen Gedanken geworfen, denn da steht plötzlich das Taxi auf dem Hof.