Lied von Traurigkeit

Eine Liebeserklärung an die Musik.
Und an das Leben.
Roman
205 Seiten
Erschienen als E-Book und Taschenbuch bei Amazon

Jürg Moretto ist Opernsänger mit Leib und Seele. Wenn die Streicher des Orchesters so sachte spielen, bekommt er heute noch eine Gänsehaut. Mit 58 Jahren trifft ihn die Diagnose Krebs. Aber er wäre in seinem Leben nicht so erfolgreich gewesen, wenn er seine Leidenschaft jetzt kampflos aufgeben würde.

„Das mit dem Lungenlappen hat mich natürlich geschockt. Ich dachte, es würde nur der Tumor entfernt. Aber so ein ganzer Lungenlappen! Ohne den soll ich noch leben können?
Leben schon, aber nicht singen, hat eine bitterböse Stimme in mir gesagt.
Also gut. Ich will jetzt nicht ins Zweifeln kommen. Die sollen das mal machen, wat kütt, dat kütt, sie werden schon wissen, was richtig ist. Ich begebe mich vertrauensvoll in ihre Hände. Sie sind der Dirigent, ich das Orchester.“


Am nächsten Tag ist der Frühling da. Nachmittags werden es 21 Grad, wir sitzen im Garten und das mitten im Februar, das ist doch unglaublich. Ist er in diesem Jahr extra früher gekommen wegen mir? Ich bin gerührt. Diesen warmen Wi­nd in meinem Gesicht zu spüren, löst gewaltige Emotionen in mir aus. Da ist Zuversicht. Zukunftsgedanken. Und Glück.
Überall auf der Wiese sprießen die Krokusse und öffnen ­ihre Blüten weit zum Himmel hin. Mann, sieht das toll aus, ich kann mich gar nicht satt sehen daran, ich habe das Gefühl, dass das jedes Jahr schlimmer wird mit meiner Sentimentalität.
Und Volker hat gar kein Auge dafür, denke ich traurig.
Am liebsten würde ich auf der Stelle das Beet umgraben und ein paar Radieschensamen auslegen, aber Volker hält mich zurück. „Nimm dir nicht zu viel vor, nachher geht es dir wieder schlecht und ich muss alles zu Ende machen. Lass das mal und genieß einfach die Sonne. In ein paar Tagen ist das warme Wetter sowieso vorbei und dann ärgerst du dich, wenn alles erfriert.“
„Na gut“, gestehe ich ein, auch wenn es mir wirklich in den Fingern juckt und ich ihn für einen Spielverderber halte. „Aber pflanz mir Krokusse aufs Grab, ja?“
Volker schaut mich an, als hätte er einen Geist gesehen. Aber wer redet denn hier bitteschön dauernd vom Sterben?
Ich lege meine Hände in meinen Schoß, schließe die Augen und werde ein bisschen wehleidig. Eine Art Liebeskummer oder besser gesagt Lebenskummer befällt mich. Das ist sicher normal und irgendwie auch ein gutes Gefühl. Denn erstens gibt mir das die Kraft weiterzukämpfen. Und außerdem hatte ich ein schönes Leben.
Ein erfülltes.
Sollte das die Zeit meines Abschieds sein, denke ich, so bin ich von Menschen umgeben, die mir viel bedeuten. Die ich liebe.
So schön dieser Gedanke auch ist, er schmerzt. Ich öffne die Augen und sehe zu Volker hinüber, der erstaunlicherweise leise vor sich hin schnarcht. Und dann kommen mir doch wieder die Tränen. Wer verlässt diese Welt schon gern.